Christian Griepenkerl schließen
Christian Griepenkerl - ein Meister des Wiener Ringstrassen-Historismus

Christian Griepenkerl (1839-1916) ist der Schöpfer des Künstlerfrieses im Augusteum zu Oldenburg, der auch das Hauptmotiv dieser Internetseite darstellt. Der in Oldenburg geborene Künstler war ein aner-
kannter und mit Aufträgen überhäufter Freskenmaler der Wiener Ringstraße. Dort hat er sich zwischen 1860 und 1880 in zahlreichen öffentlichen Bauwerken und bürgerlichen Palais verewigt. Daneben war er ein gefragter Porträtmaler, wie zahlreiche Porträts in der Österreichischen Galerie Wien belegen.

Lehrer und Vorbild Griepenkerls war Carl Rahl. Nach dessen Tod 1865 vollendete er zunächst noch einige von Rahl entworfene Programme im Palais Sina, in der neuen Wiener Hofoper, im Palais Epstein und im Palais Todesco. In dieser frühen Phase um 1860/70 malte er bisweilen noch al fresco. Später verlegte er sich auf die Wachsölmalerei. Bei diesem Verfahren entstanden die Gemälde im Atelier auf Leinwand und wurden erst nach Vollendung in die vorgesehenen Wandfelder eingelassen. Der Eindruck eines Freskos wurde dabei durch die Beimengung von Wachs, das die Farbe matt machte, noch gesteigert.

In seiner Heimatstadt Oldenburg bot sich dem Maler mit dem Augusteum-Auftrag erstmals die Möglich-
keit, völlig eigenständig ein monumentales Programm zu erarbeiten. Er bewies hier seinen stilsicheren Umgang mit dem künstlerischen Gestaltungsrepertoire der Rahl-Hansen-Schule, der sich im Zusammen-
klang von Architektur, Scheinarchitektur und Malerei nach dem Vorbild der italienischen Spätrenaissance äußert. Die Augusteum-Fresken sind der einzige Ableger des Ringstrassen-Dekorationsstils in Nord-
deutschland und stellen in dieser Hinsicht ein leider viel zu wenig beachtetes Kunstdenkmal dar. Entstanden sind sie allerdings nicht in Oldenburg, sondern im Wiener Atelier des Künstlers, der lediglich 1878 nach Oldenburg reiste, um ihre Anbringung an den dafür vorgesehenen Stellen im Treppenhaus zu überwachen. Bei der Restaurierung der Bilder und des gesamten Treppenhauses im Augusteum 1980 hat die Firma Ochsenfahrt Restaurierungen in Paderborn den Originalzustand des Raumkunstwerks nach Befund in vorbildlicher Weise wieder-
hergestellt.

1875 wurde Griepenkerl als Professor an die Akademie der Künste berufen. Ab 1890 etwa beschränkte er sich weitgehend auf seine Lehrtätigkeit. Unzählige Künstler sind zwischen 1890 und 1910 durch seine Schule gegangen. Der berühmteste von ihnen war Egon Schiele, zu dem der konservative Historienmaler freilich ein sehr gespanntes Verhältnis hatte. ("Sagen sie um Gotteswillen niemandem, daß Sie bei mir gelernt haben", soll er Schiele gegenüber geäußert haben). Griepenkerl war es auch, der Adolf Hitler 1907 bei der Aufnahmeprüfung an der Akademie wegen "ungenügender Probezeichnungen" hatte durchfallen lassen. 1878 wurde Griepenkerl der Oldenburgische Hausorden verliehen und 1887 der Orden der Eisernen Krone. Sein Ehrengrab auf dem auf dem Wiener Zentralfriedhof existiert noch heute. Trotz der großen Anerkennung zu Lebzeiten ist sein Name heute kaum bekannt. Lange Zeit konnte die Kunstgeschichts-
schreibung dieser pompösen Ausstattungskunst nicht viel abgewinnen. Erst das am Kunsthistorischen Institut der Universität Wien angesiedelte Forschungsprojekt über die Wiener Ringstraße richtete im Zuge einer allgemeinen Neubewertung des Historismus das Augenmerk auf die Kunst von Griepenkerl und den Traditionskreis, dem sie entstammt. Im Kunsthandel spielen seine Werke auch nur eine untergeordenete Rolle, die meisten sind schließlich als Wandbilder fest eingelassen. Dennoch tauchen gelegentlich Porträts und Ölskizzen von ihm auf und, mehr noch, Kohlezeichnungen mit mythologischen oder historischen Figuren, die bis in die 1960er Jahre von der Wiener Akademie verwahrt worden waren.